Ich führe es auf die unglaubliche Junihitze des Jahres 1987 zurück, dass Christoph (Grill) die Idee hatte, wir sollten das Zigeunerloch einmal frei versuchen. Und ich führe es auf eine Gehirnhautentzündung zurück, die ich mit sieben Jahren hatte und die mich so empfindlich gegen Hitze gemacht hatte, dass ich es für eine gute Idee hielt.

Thomas Hrovat. Auszug aus seinem Buch „Eroberung des Unsichtbaren”

Das Grazer Brüderpaar Christian (geb. 06.03.2009) und Julian Leitner (geb. 15.10.2010) ist seit frühester Kindheit mit ihren Eltern in den Klettergärten unterwegs und begann im Alter von vier Jahren selbst mit dem Klettern.

Bald war klar, wer beim Klettersport in der Familie in Zukunft das Kommando übernehmen wird. Die Brüder klettern am liebsten miteinander und pushen sich gegenseitig, wobei schwer zu sagen ist, wer sich vom anderen wohl mehr abschaut.

©Carmen Leitner

Nachdem Christian am 18.04.2019 mit „Zadnja skušnjava” in Osp erstmals eine Route im 8. französischen Grad gelungen war, machte er sich mit seinen Eltern auf die Suche nach einem neuen Projekt. Das Lieblingsfach der beiden Brüder in der Schule könnte Geschichte sein. Vor allem, wenn es darum geht, zu erzählen, wer welche Route erstbegangen hat. Eine dieser besonders geschichtsträchtigen Routen befindet sich im Zigeunerloch nördlich von Graz. Der weit ausladende Überhang wurde im Sommer 1988 von Christoph Grill und Thomas Hrovat erstmals Rotpunkt durchstiegen, auf den Namen „Zigeunerbaron” getauft und zählte damals zu den schwierigsten Routen Österreichs. Geschichte und Sport miteinander zu verbinden war genau nach Chrisis Geschmack. Sein neues Ziel war gefunden und so machte sich der Zehnjährige im Sommer 2019 ans Werk.

©Carmen Leitner

Unser neues Projekt konnte sich sehen lassen. Auf eine acht Meter hohe überhängende Wand mit kleinen Griffen folgte ein etwa sechs Meter langes horizontales Dach, an dessen Ende man eine vier Meter lange, etwa 45 Grad überhängende Wand überwinden musste, um zu einem breiten, nach unten offenen Riss zu gelangen, dem man stark überhängend weitere sechs Meter nach rechts folgen musste. An einem dünnen Riss hangelnd, ging es etwa fünf Meter direkt an die Kante des Riesenüberhanges, wo man in einem Loch einen Fuß verklemmen konnte, um so, mit dem Kopf nach unten, hängend zu rasten. Danach folgte eine etwa zehn Meter hohe, überhängende Ausstiegswand, die in der Mitte von einem kleinen Dach unterbrochen wurde. Wir waren stolz auf diese Linie und froh, endlich wieder ein Stück Fels gefunden zu haben, für das es sich lohnte, zu trainieren und all unsere Energien zu investieren.

Thomas Hrovat. Auszug aus seinem Buch „Eroberung des Unsichtbaren”

Christian und Julian gehören dem im steirischen Landeskader an, trainieren hauptsächlich in den Grazer Kletterhallen CAC und Bloc House in der Trainingsgruppe von Thomas Kohlbacher und Patrick Sommer und nehmen regelmäßig an nationalen und internationalen Wettkämpfen teil.  Ihr Focus aber liegt am Felsklettern.
Während seiner Versuche im „Zigeunerbaron” gelang Chrisi am 27.08. 2019 die direkt daneben liegende Route „Coconut Stylee” (8a).

Julian hakte unterdessen Anya (7b+) und Boltimore (7a+) im Vorstieg ab. Für einen Achtjährigen ist es verdammt schwierig, harte Routen zu finden die keine Größenprobleme für ihn bereithalten und in denen er so halbwegs sichere Klinkpositionen finden kann.

©Carmen Leitner

In seiner Geschichte „Die Verwandlung” erzählt Thomas Hrovat wie er und sein Kumpel Christoph sich durch die unzähligen Tage, die sie im Zigeunerloch zubrachten, veränderten. Durch die Dunkelheit der Höhle wurde ihre Haut blass und fing an sich in ihrer Konsistenz zu verändern. Sie wurde glatt und begann zu glänzen. Ihre Beine verkümmerten zugunsten immer stärker werdender Arme und zwischen den Fingern wuchsen ihnen Häutchen, die bei den abschüssigen Griffen eine größere Auflagefläche und damit mehr Reibung ermöglichten. Ihre Haut schwitzte nicht mehr und so verloren sie auch keine Kraft durch Nachchalken.
Ihre Augen hatten sich so sehr an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie auch nachts klettern konnten und manchmal stießen sie Piepslaute wie Fledermäuse aus oder sie unterhielten sich mit Gurrlauten, so wie die Tauben, die das Zigeunerloch bewohnten.

Nie werde ich den Tag vergessen, an dem Christoph als Erster den Durchstieg schaffte. So leicht sah es diesmal aus, dass ich nicht verstand, wieso wir so lange daran arbeiten mussten. Nicht ein Fehler passierte ihm. Es war totenstill. Ich hörte nur sein Schnaufen und ab und zu einen leisen, nur für uns hörbaren Piepser, mit dem er in der Dunkelheit den nächsten Griff ortete, bevor er ihn ansprang. Nach etwa fünfundzwanzig Minuten hängte er das Seil in den Umlenkkarabiner. Aufgeregt gurrte, schnatterte und piepste er vor Freude durcheinander, als auch er nach einiger Zeit realisierte, dass nun endlich der Augenblick gekommen war, auf den wir so lange gewartet hatten. Vier Tage später gelang auch mir der Durchstieg.

Thomas Hrovat. Auszug aus seinem Buch „Eroberung des Unsichtbaren”

Nach vielen Versuchen war am 03.11.2019 auch für Christian Leitner der große Tag gekommen. Alles lief perfekt und so wie Christoph Grill 31 Jahre zuvor, konnte der Zehnjährige die Züge fehlerlos aneinanderreihen und sich als mit Abstand Jüngster in die, mit klingenden Namen gespickte Liste der Begeher des „Zigeunerbarons” eintragen.

©Carmen Leitner

Nach der 8a Route „Mandala” an der Peggauer Wand am 11.01.2020 hatte Chrisi erneut Lust in den Geschichtsbüchern des Klettersports zu blättern.

Die Route „Karies” in Osp, 1988 vom berühmten Tadej Slabe als erste 8b Sloweniens erstbegangen, hatte es ihm dabei angetan. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist der zehnjährige Christian auch hier der jüngste Kletterer, der am 16.02.2020, nach erfolgreichem Durchstieg, das Seil in die Umlenkung klinken konnte.
Toppen könnte diese Leistung möglicherweise sein jüngerer Bruder Julian. Immerhin projektiert auch er bereits Routen im 8. französischen Schwierigkeitsgrad…

Text: Horst Jobstraibitzer

Quelle: climbing.plus

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