„C(H)LEAN! – ein Kletterführer, dem es um mehr geht als nur ums Klettern!


Keep wild! Für manche ist das ein nettes Mantra, das man sich schnell unter seinen letzten Insta-Post hashtagged, für Tim Marklowski und Silvan Schüpbach ist diese Herangehensweise, dieses

„das Wilde wild sein lassen“

,einer der wichtigsten Beiträge zum Klettern der jüngeren Vergangenheit. Auf den Punkt gebracht, geht es um einen rücksichtsvollen und nachhaltigen Umgang mit der Natur und dem Fels. Es geht um ein möglichst sauberes Klettern, darum möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Kurz gesagt, ums Klettern mit mobilen Sicherungsmitteln.

Genau dieses versuchen Tim Marklowski, seines Zeichens Projektmanager von „mountainwilderness“ und Silvan Schüppbach, Tradvirtuose höchster Güte sowie Fachleiter des Jugend- und Erwachsenensport beim SAC,  zu pushen. Das vielleicht stärkste Ausrufungszeichen in diese Richtung ist ihr soeben erschienener, hochwertiger Führer „C(H)lean. Klettern mit Friends und Keilen in der Schweiz“, der von dem Schweizer Alpen-Club SAC herausgegeben wurde. 

Schon wieder ein neuer (alter) Alpinkletter-Führer? Nein, mitnichten. Tausendfach gekletterte alpine Klassiker, die man mehr schlecht und recht absichern kann, findet man in „C(H)lean“ nicht. Auf 450 Seiten gibt der hochqualitativ gestaltete Führer einen detaillierten Überblick über die besten Tradklettergebiete (Sportkletten und Mehrseillänge) der Schweiz vom Jura bis zum Tessin

Was mit „Trad“ in diesem Rahmen gemeint ist, muss allerdings ein wenig genauer ausgeführt werden. „Trad“ ist mehr als nur als die englische Bezeichnung des Begriffs „alpin“. „Trad“ ist vielmehr eine Art „alpin 2.0“. Oder noch präziser, ein Crossover zwischen Sportklettern und Alpinklettern: guter Fels, spannende Moves und das Ganze gekrönt von mobiler Selbstabsicherung. 

„C(H)lean“legt mit dieser Herangehensweise den Finger auf den Puls der Zeit. Im Windschatten des hypertrophierenden Sportkletter- und Boulderbooms hat sich das Tradklettern (im Granit) nämlich eine immer größer werdende Nische und Fangemeinde erobert. Immer öfter baumeln Camalots und Keile an den Gurten.  Diese Entwicklung ist durchaus nachvollziehbar: blinkende Bohrhakenlaschen zu klippen ist zwar schön, doch etwas grundlegend Wichtiges bleibt dabei auf der Strecke: Die Auseinandersetzung mit dem Fels und den Sicherungsmöglichkeiten, die er bietet. Eine essentielle Erfahrung, die für viele kletternde Menschen immer wichtigeer wird.

Ja, gutes Absichern braucht Erfahrung  – und diese braucht Zeit. Doch Tradklettern ist alles andere als nur „umständliches Sportklettern“, wie manche vermeinen. Ganz im Gegenteil erweitert das Tradklettern durch sein Eigenengagement den rein sportlichen bereich um eine reichhaltige Erlebnisdimension. Eine, die sich mit einem Kletterführer wie „C(H)lean“ jede/-r erschließen kann. In vielen der gezeigten Gebiete kann man sich an das Thema „Selbstabsichern“ dank einer Fülle von Routen in eher niedrigen Graden sicher herantasten.

„C(H)lean“ ist nicht nur der erste Kletterführer, der sich in einem solch breiten Umfang dem Thema Trad widmet, er versucht uns durch den Clean-climbing-Gedanken auch für ein weitaus wichtigeres Thema zu sensibilisieren: Dass wir alle, die wir uns in den Alpen – egal ob auf deren Wiesen, Gletschern oder Felsen bewegen – lernen müssen, sensibler mit dieser trotz ihrer physischen Imposanz empfindlichen Naturgestalt umzugehen. Die Berge sind kein Sportplatz, sondern ein Raum in dem der Mensch, wenn er nicht achtsam ist, unaustilgbare Spuren hinterlässt.

Words: Flo Scheimpflug

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