Roli Wagner klettert Sehnsucht (9a/+)

Text/Pic: Flo Scheimpflug

Sehnsucht auf Metaebene

Sehnsüchte wollen gestillt werden! – das weiß keiner besser, als Eisenfinger Roli Wagner (41). Da Roli ausgerechnet Sehnsucht nach der Sehnsucht im Salzburger Land hatte, war dies zudem ein außergewöhnlicher Fall von Meta-Sehnsucht und deswegen auch von komplexer Natur, was deren Stillung betraf.

Die Linie, die sich auf einer Länge von 35 Metern durch allerbesten, ultrakompakten Salzburger Kalk zieht, wurde vom Hardmover von Gottes Gnaden, Klem Loskot that is, anno 2013 erstbegangen und mit 9a+ bewertet.

Sie zu probieren hatte sich lange Jahre niemand getraut. Nicht nur, weil der Fels so grifflos aussah wie ein Stück Glas, sondern auch, weil Sehnsucht Klem´s schwerste Route war, erstbegangen unter dem Radar wie so viele seiner harten Routen. Bekanntlich sind schon Klem´s „leichtere“ für ihren Grad derart hart, dass einem die Luft wegbleibt, also warum sollte man sich dann an etwas noch Schwerem abbarbeiten? Und überhaupt ist eine „leichte Klem-Route“ ein Widerspruch in sich wie ein eckiger Kreis.

Und dann ist da auch noch der Charakter der Route: die gut 25 Meter im Grad 8c+, die man bis zu einem einigermaßen respektablen Raster klettern muss, kann man sich ja noch einreden lassen. Auf diesen folgt jedoch ein low-percentage-Boulder (ca. 8a/+) an Griffen, die nicht mehr sind, als ein Hauch ihrer selbst. Die ultraflachen Aufleger sind mit reiner Kraft nicht haltbar sondern verlangen den richtigen Mix aus unerschütterlichem Glauben und trockenkalten Conditions.

Roli, der in der Vergangenheit schon etliche harte Klem-Nüsse geknackt hatte, probierte die Route bereits 2018 und 2019, doch erst 2020 begann sich so etwas wie ein Momentum aufzubauen. Als Erstes kassierte er die Linksvariante namens Kleine Sehnsucht (8c+), die sich den Rotpunkt-Spoiler in Gestalt des Abschlussboulders erspart, und es sah tatsächlich so aus, als wäre die Sehnsucht zum Greifen nah. War sie aber nicht. Denn dieser letzte Schritt, diese letzten Meter, erwiesen sich als eine ganz andere Dimension. Obwohl Roli die 8c+ hinaufspazierte als wäre es eine 6b, tropfte er ein ums andere Mal mit der Kette vor der Nase ab. Es war bitter, ihm dabei zu zusehen und wahrscheinlich noch bitterer, in diesem Moment er selbst zu sein.

Doch wenn Roland Wagner etwas nicht gelernt hat, dann ist es das Aufgeben und Verzweifeln. Gut für ihn. Ein ums andere Mal pilgerte er zum Einstieg, wartetet, bis es kühler wurde und machte zwei Versuche (mehr ging nicht, denn dann war die Haut durch) – ein Canossagang in mönchischer Demut!

Nach 30 Tagen Projektarbeit war es soweit. und Roli übersprang die infinitesimale Lücke, die meilenweit zwischen ihm und dem Umlenker klaffte.

Dann tat er, was er tun musste: er schrie seine Freude so lange und laut hinaus, bis er heiser war. Nichts anderes tut man, wenn man seine schwerste Route geklettert ist.

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