
Babsi Zangerl und Jacopo Larcher haben die zweite und dritte freie Begehung der historischen Rätikon-Testpiece Déjà (8c+) geschafft. Für Zangerl ist die Begehung besonders bedeutend: Sie gilt nach aktuellem Kenntnisstand als erste dokumentierte weibliche Begehung einer mit 8c+ bewerteten Mehrseillängenroute.
Die österreichische Kletterin Babsi Zangerl und der italienische Kletterer Jacopo Larcher haben Déjà (8c+) an der Südwand der Kirchlispitzen im Rätikon frei geklettert. Die Route zählt zu den anspruchsvollsten Mehrseillängenrouten der Alpen.
Zangerl gelang die Begehung am 6. Juli. Damit schaffte sie die erste weibliche Begehung von Déjà und nach aktuellem Stand der Aufzeichnungen vermutlich die erste weibliche Begehung einer 8c+-Mehrseillängenroute überhaupt. Wenige Tage später folgte Larcher mit der dritten freien Begehung. Er kletterte die gesamte Route ohne Sturz.
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Das Rätikon fühlt sich wie Zuhause an
Für Zangerl und Larcher ging es bei Déjà jedoch um mehr als nur um den Schwierigkeitsgrad. Das Rätikon begleitet beide seit vielen Jahren und hat in ihren Kletterkarrieren eine wichtige Rolle gespielt.
„Das Rätikon fühlt sich für uns wie Zuhause an“, sagt Zangerl. „Hier habe ich mein erstes richtiges Mehrseillängenprojekt versucht und wir haben im Laufe der Jahre so viele Routen gemeinsam geklettert. Déjà fühlte sich wie das perfekte Projekt für uns an.“
Mehr als 25 Jahre lang ein ungelöstes Projekt
Déjà wird an den Kirchlispitzen eröffnet
Déjà wurde 1992 von Andres Lietha und Michi Wyser an der Südwand der Kirchlispitzen eröffnet. Obwohl bereits damals große Teile der Route frei geklettert wurden, blieb die außergewöhnlich schwierige fünfte Seillänge ungelöst.
Larchers Verbindung zur Route begann mehr als ein Jahrzehnt später.
2015 lud Fabian Buhl ihn ein, das noch nicht frei gekletterte Projekt zu untersuchen. Zu diesem Zeitpunkt wussten die beiden nicht einmal, ob die Schlüsselstelle überhaupt frei kletterbar sein würde.
„Es ist immer spannend, etwas auszuprobieren, das noch niemand geschafft hat“, erzählt Larcher. „Man weiß nicht, ob es möglich ist, und jeder Zug, den man frei klettern kann, fühlt sich wie ein kleines Geschenk an.“
Nach einigen Tagen an der Route fanden Buhl und Larcher eine realistische Bewegungssequenz durch die schwierige Passage. Die Lösung war möglich – allerdings extrem hart, anhaltend schwer und außergewöhnlich hautraubend.
Larcher widmete sich anschließend anderen Projekten. Buhl arbeitete jedoch weiter an Déjà und schaffte 2019 schließlich die erste freie Begehung der Route. Damit löste er eines der am längsten offenen Projekte an der historischen Rätikon-Wand.
Sieben Jahre später kehrte Larcher zurück – diesmal gemeinsam mit Zangerl.
„Wahrscheinlich die härteste Seillänge, die wir je versucht haben“
Zangerl und Larcher begannen 2025, Déjà gemeinsam ernsthaft zu projektieren. Besonders die fünfte Seillänge hatte es ihnen angetan.
„Es ist eine unglaublich einzigartige Seillänge – extrem schwer und bis zum Stand durchgehend anspruchsvoll“, sagt Zangerl. „Man kann fast überall stürzen. Wahrscheinlich ist es die härteste einzelne Seillänge, die wir jemals an einer Mehrseillängenroute versucht haben.“
Das Duo verbrachte mehrere Tage damit, fast ausschließlich an der Schlüsselstelle zu arbeiten, bevor es in diesem Sommer an die Route zurückkehrte.
Hitze und scharfe Griffe als zusätzliche Herausforderung
Auch die Bedingungen machten das Projekt besonders anspruchsvoll.
Die nach Süden ausgerichtete Wand wird im Sommer extrem heiß. Gleichzeitig besteht die Schlüsselstelle aus kleinen, messerscharfen Griffen. Während einer starken Hitzewelle in den Alpen hatten Zangerl und Larcher häufig nur wenige Versuche, bevor ihre Haut zu stark beansprucht war.
Um der Hitze auszuweichen, passten sie ihre Taktik an. Sie starteten entweder sehr früh am Morgen oder kletterten erst am späten Abend. Teilweise blieben sie bis kurz vor Mitternacht in der Wand.
Da die normale Zufahrtsstraße zum Grüscher Älpli unter der Woche wegen Wartungsarbeiten gesperrt war, näherten sie sich der Wand von österreichischer Seite mit E-Bikes.
„Oft kamen wir erst um ein oder zwei Uhr morgens nach Hause“, erzählt Larcher. „Fast jeder Tag wurde zu einer kleinen Mission. Es fühlte sich wie echtes Abenteuerklettern an, obwohl die Wand normalerweise relativ leicht zugänglich ist.“
Auch nach der 8c+-Schlüsselseillänge bleibt Déjà anspruchsvoll
Die mit 8c+ bewertete fünfte Seillänge ist zwar der offensichtliche Schlüssel der Route, doch die Schwierigkeiten sind damit noch lange nicht vorbei.
Weiter oben stellte sich Seillänge 11 als weiteres ernstes Hindernis heraus. Zangerl und Larcher schätzen deren Schwierigkeit auf etwa 8b.
„Es wird eigentlich nie wirklich leicht“, sagt Larcher. „Auch nach der Schlüsselstelle wartet noch viel Kletterei. Die letzte schwere Seillänge ist sehr anhaltend und endet mit einem schwierigen Boulder.“
Babsi Zangerl gelingt historische Begehung
Nachdem Zangerl und Larcher die Route von unten nach oben ausgearbeitet und zusätzlich Zeit in die oberen Seillängen investiert hatten, waren sie bereit für den Durchstiegsversuch.
Beide wollten einen eigenen Versuch unternehmen, die komplette Route zu klettern. Deshalb sollte Zangerl den ersten Versuch machen.
Der Durchstieg am 6. Juli
Am 6. Juli startete Zangerl ihren ersten vollständigen Ground-up-Versuch.
Die Erwartungen waren zunächst nicht besonders hoch. Bis zu diesem Morgen war es ihr noch nie gelungen, die Schlüsselstelle sturzfrei zu klettern.
Beim ersten Versuch stürzte sie gegen Ende des ersten schwierigen Abschnitts der Seillänge. Beim zweiten Versuch beendete ein unerwartetes Abrutschen der Hand einen Versuch, der sich bis dahin noch stärker angefühlt hatte.
Beim dritten Versuch machte sich schließlich die Ermüdung bemerkbar.
„Ich konnte spüren, dass nicht mehr viel im Tank war“, erinnert sie sich. „Aber irgendwie hat es gerade noch gereicht. Ich habe mich durch die gesamte Seillänge gekämpft.“
Als sie den Stand erreichte, wich die Erleichterung schnell einer neuen Anspannung. Noch lag ein großer Teil der Route vor ihr und die Zeit lief.
Zangerl wusste, dass sie nun jede verbleibende Seillänge im ersten Versuch klettern musste – einschließlich der schwierigen elften Seillänge nahe dem oberen Wandbereich.
„Nach der Schlüsselstelle war ich unglaublich glücklich, aber gleichzeitig wurde ich nervös“, sagt sie. „Ich wusste, dass noch ein langer Weg vor mir lag. Aber diese Seillänge zu schaffen, gab mir einen enormen Schub an Selbstvertrauen. Danach begann alles zu fließen.“
Zangerl kletterte den restlichen Teil von Déjà ohne weiteren Sturz und erreichte den Gipfel.
Damit vollendete sie die Route im bevorzugten Rätikon-Stil des Duos: Ground-up, an einem einzigen Tag und jede Seillänge selbst vorsteigend.
Ein besonderer Erfolg nach einer Verletzungspause
Die Begehung hatte für Zangerl eine zusätzliche Bedeutung. Ende 2025 hatte sie sich eine Rückenverletzung zugezogen und war anschließend längere Zeit vom harten Klettern entfernt.
„Nach einer so langen Verletzungspause hat mir diese Route sehr viel bedeutet“, sagt Zangerl. „Es ging nicht nur um die Schwierigkeit. Es fühlte sich wie ein echtes Comeback an.“
Ihre Begehung war die zweite freie Begehung von Déjà, die erste weibliche Begehung und gilt nach aktuellem Kenntnisstand als erste dokumentierte weibliche Begehung einer Mehrseillängenroute im Schwierigkeitsgrad 8c+.
Ein historischer Vergleich mit Jenny Lavarda
Bei dieser historischen Einordnung gibt es allerdings einen wichtigen Hinweis.
2009 gelang der Italienerin Jenny Lavarda die erste weibliche Begehung von Solo per vecchi guerrieri in den Dolomiten. Die Schlüsselstelle dieser Mehrseillängenroute wurde damals mit 8c+/9a bewertet.
Spätere Wiederholer schlugen für diese Passage jedoch deutlich niedrigere Bewertungen vor – zuletzt wurde etwa 8b+ genannt.
Ausgehend von den aktuell den jeweiligen Routen zugeordneten Bewertungen gilt Zangerls Begehung von Déjà deshalb als erste dokumentierte weibliche Begehung einer Mehrseillängenroute mit der Bewertung 8c+.
Jacopo Larcher gelingt die dritte freie Begehung
Wenige Tage später kehrten Zangerl und Larcher erneut an die Wand zurück. Dieses Mal wurden die Rollen getauscht: Larcher sollte jede Seillänge vorsteigen, während Zangerl sicherte.
Obwohl Larcher nach einer langen Woche beim Routensetzen für einen Kletterwettbewerb müde war und sich Sorgen über die hohen Temperaturen machte, fand er schnell besser in die Route als erwartet.
„Am Anfang war ich nervös und meine Erwartungen waren ziemlich niedrig“, sagt er. „Aber sobald ich mit dem Klettern begonnen hatte, änderte sich alles. Ich fühlte mich entspannt, schnell und selbstbewusst.“
Eine Wolkendecke sorgte dafür, dass große Teile der Südwand im Schatten lagen. Larcher kam schnell durch die Route – einschließlich der 8c+-Schlüsselstelle.
Er kletterte jede Seillänge ohne Sturz und stand bereits um 11:30 Uhr gemeinsam mit Zangerl zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage auf dem Gipfel.
Beide Athleten waren stolz darauf, die Route jeweils bei ihrem ersten Redpoint-Versuch vollständig frei geklettert zu haben.
„Gemeinsam oben zu stehen, nachdem wir beide Déjà geklettert hatten, war etwas ganz Besonderes“, sagt Larcher. „Es ging nicht nur um die Route selbst, sondern um das gesamte Abenteuer, das wir auf dem Weg dorthin erlebt hatten.“
Déjà wird zum Höhepunkt einer besonderen Rätikon-Partnerschaft
Für Zangerl und Larcher ist Déjà ein weiterer großer Rätikon-Meilenstein in einer Partnerschaft, die zunehmend mit einigen der schwierigsten Routen des Massivs verbunden ist.
Doch Déjà nimmt eine besondere Stellung ein.
Ein Projekt, das Larcher erstmals vor mehr als zehn Jahren erkundet hatte, schließt sich nun mit der gemeinsamen Begehung mit seiner Kletterpartnerin. Und das ausgerechnet in den Bergen, die beide als ihre Heimat betrachten.
Film über das Déjà-Abenteuer
Ein Kurzfilm, der das gemeinsame Abenteuer von Babsi Zangerl und Jacopo Larcher an Déjà dokumentiert, ist ab sofort auf dem YouTube-Kanal von La Sportiva zu sehen.











