
33 Seillängen durch die Eiger-Nordwand
Fay Manners und Roger Schäli haben diesen Sommer mit „Solar Eclipse“ eine neue Route durch die Eiger-Nordwand eröffnet. Die Linie umfasst 33 Seillängen und entstand über 13 Tage, die das Duo direkt an der Wand verbrachte.
Dabei ging es nicht darum, die berühmte Nordwand möglichst vollständig mit Bohrhaken auszurüsten. Manners und Schäli wollten eine Route schaffen, die den alpinen Charakter des Eigers bewahrt und gleichzeitig künftig wiederholbar ist.
Die Route kombiniert deshalb moderne Absicherung mit traditionellem Klettern. Alle Standplätze sind gebohrt, in geeigneten Passagen bleibt die zusätzliche Absicherung mit mobilen Sicherungsmitteln jedoch den Wiederholern überlassen.
Von der Idee zur Erstbegehung
Die Geschichte von „Solar Eclipse“ begann bereits einige Jahre zuvor. Zwei Sommer vor der Fertigstellung eröffneten Schäli und Raphael Schmid die ersten vier Seillängen. Danach musste das Projekt pausieren, weil sich Schäli von einer Meniskusoperation erholte.
In diesem Sommer kehrte er gemeinsam mit Fay Manners an die Eiger-Nordwand zurück. Schmid unterstützte das Team während der ersten beiden Tage, bevor er sich wieder seinem eigenen Projekt widmete. Oskar Gertsch spielte ebenfalls eine wichtige Rolle und half beim Transport von Nahrung, Wasser und Ausrüstung sowie beim Einrichten der Fixseile.
Im unteren Wandbereich zeichnete sich die Linie relativ klar ab. Weiter oben wurde die Orientierung deutlich anspruchsvoller. Steilere, dreidimensionale Felsstrukturen, Risse, Verschneidungen und versteckte Ecken erschwerten die Suche nach einer logischen Linie.
Statt einen vorher festgelegten Verlauf zu erzwingen, folgten Manners und Schäli den natürlichen Schwachstellen der Wand.
Traditionelle Absicherung trifft auf Bohrhaken
„Solar Eclipse“ bietet durchgehend steile Kletterei und einen abwechslungsreichen Mix aus traditionell und gebohrt gesicherten Abschnitten.
Auf kompakten und strukturlosen Passagen waren Bohrhaken notwendig. Wo der Fels natürliche Möglichkeiten bot, ließen die Erstbegeher bewusst Spielraum für eigene Entscheidungen. Cams gehören zur Standardausrüstung, je nach Abschnitt können auch Peckers und Normalhaken sinnvoll sein.
Die letzten vier kurzen Seillängen verlaufen über die bestehende Route „Ghilini–Piola“. Mit Zustimmung von Piola wurde dieser Abschnitt saniert und die alten Bohrhaken ersetzt.
Für Schäli ist „Solar Eclipse“ derzeit etwas anspruchsvoller als seine andere Eiger-Route „Odysse“. Vor allem die Querungen und die Wegfindung durch die natürlichen Strukturen erhöhen die alpinen Anforderungen. Die rein technische Schwierigkeit könnte bei „Odysse“ hingegen höher liegen.
13 Tage in der Eiger-Nordwand
Insgesamt arbeiteten Manners und Schäli 18 Tage am Projekt, davon verbrachten sie 13 Tage direkt an der Wand. Geschlafen wurde auf Portaledges, während Nahrung, Wasser und Kletterausrüstung Schritt für Schritt nach oben transportiert wurden.
Mehrmals stiegen die beiden ab, um Wasser und zusätzliches Material zu holen. Anschließend ging es wieder zurück in die Wand.
Ein besonderer Moment ereignete sich hoch oben am Eiger: Vom Portaledge aus beobachteten die beiden eine Sonnenfinsternis. Zwischen Felswand und Abgrund wurde dieses außergewöhnliche Erlebnis zum Namensgeber der neuen Route.
Solar Eclipse war damit nicht nur der Name, sondern ein tatsächlich erlebter Moment während der Erstbegehung.
Fay Manners schreibt Eiger-Geschichte weiter
Für Fay Manners besitzt die Erstbegehung eine besondere Bedeutung. Als Frau eine neue Route an einer der berühmtesten Alpenwände zu eröffnen, fügt sich in eine Geschichte ein, die auch von herausragenden Kletterinnen geprägt wurde.
1992 gelang Catherine Destivelle als erster Frau eine Winter-Solo-Begehung der Eiger-Nordwand. 2019 eröffneten Nina Caprez, Roger Schäli und Sean Villanueva O’Driscoll mit „Merci La Vie“ eine weitere neue Route am Genfer Pfeiler.
Mit „Solar Eclipse“ setzt Manners diese Entwicklung fort und übernimmt selbst eine aktive Rolle bei der Erschließung einer neuen Linie an der historischen Nordwand.
Wie geht es mit „Solar Eclipse“ weiter?
Die Route ist ein ernstes alpines Unternehmen und richtet sich an erfahrene Kletterer. Neben sicherem Umgang mit traditioneller Absicherung sind insbesondere gute Wegfindung und Erfahrung in steilem Gelände gefragt.
Im kommenden Frühjahr wollen Manners und Schäli zurückkehren. Ihr Ziel ist eine Rotpunkt-Begehung von „Solar Eclipse“ und der Abbau der verbliebenen Fixseile.
Anschließend soll ein detailliertes Topo entstehen. Damit könnte die neue Route künftig erfahrenen Alpinisten als anspruchsvolles Ziel an der Eiger-Nordwand offenstehen.
Manners und Schäli wollten nicht einfach eine weitere Linie am Eiger hinterlassen. „Solar Eclipse“ soll den Charakter der Wand bewahren: selbstständige Entscheidungen, traditionelle Absicherung und das Gefühl, sich eine Route Schritt für Schritt selbst zu erschließen.
33 Seillängen, 13 Tage in der Wand und eine Sonnenfinsternis hoch über dem Tal: Mit „Solar Eclipse“ ist an der Eiger-Nordwand eine neue, bewusst alpine Route entstanden.










