
250 Meter Kalk, acht Seillängen und kein Bohrhaken
250 Meter, acht Seillängen und Schwierigkeiten bis X-: Mit „Kairos“ haben Simon Gietl, Davide Prandini und Martin Niederkofler eine anspruchsvolle neue Kletterroute in den Dolomiten eröffnet. Besonders außergewöhnlich ist die Absicherung: Die Route kommt vollständig ohne Bohrhaken aus.
Für Simon Gietl war die Erstbegehung jedoch erst der Anfang. Am 13. August gelang ihm die komplette freie und sturzfreie Begehung der Route – an nur einem Tag.
„Kairos“: Eine Route für den richtigen Augenblick
Der Name „Kairos“ stammt aus der griechischen Mythologie und steht sinngemäß für den entscheidenden Moment. Genau dieser Gedanke passt zur neuen Route durch die Westwand der Lavarela de Fora.
Der kompakte Dolomitenkalk bietet nur wenige Möglichkeiten für eine klassische Absicherung. Kraft allein reicht deshalb nicht aus. Wer hier klettert, braucht neben Technik und Ausdauer vor allem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und starke Nerven.
Die Idee für die direkte Linie entstand bei Florian Huber. Er hatte 2019 gemeinsam mit Tobias Engl die Route „Dolasilla“ durch die Westwand eröffnet und erkannte eine mögliche neue Variante mitten durch die Wand. Huber machte Simon Gietl darauf aufmerksam.
Erschließung ohne Bohrhaken
Gemeinsam mit Davide Prandini und Martin Niederkofler machte sich Gietl an die Erschließung. Insgesamt vier Tage arbeiteten die drei an der Route. Dabei wurde zunächst technisch geklettert, ausprobiert und gesichert.
Die Bedingungen waren anspruchsvoll: Der geschlossene Kalk erschwert das Platzieren von Normalhaken erheblich. Gietl entschied sich deshalb bewusst für eine Eröffnung von unten und verzichtete vollständig auf Bohrhaken.
Während der Erschließung kam es auch zu mehreren Stürzen. Die Schwierigkeiten reichten bis IX-/A2. Einzelne Seillängen erwiesen sich im freien Klettern später als besonders anspruchsvoll und wurden mit bis zu X- beziehungsweise 8a+ bewertet.
Die teilweise weit auseinanderliegenden Sicherungsmöglichkeiten machen „Kairos“ zu einer Route, bei der mentale Stärke ebenso wichtig ist wie Fingerkraft und Klettertechnik.
Simon Gietl gelingt die komplette freie Begehung
Nach der Erstbegehung setzte sich Gietl ein weiteres Ziel: Er wollte alle Seillängen an einem einzigen Tag frei und ohne Sturz klettern.
Dafür bereitete er sich intensiv vor, studierte die einzelnen Passagen und prägte sich die Bewegungsabläufe ein. Am 13. August war schließlich der richtige Moment gekommen.
Gesichert von Magdalena Mittersteiner kletterte Gietl „Kairos“ komplett frei und sturzfrei. Alle Seillängen gelangen beim ersten Versuch, die maximale Schwierigkeit lag bei X- (8a+).
Damit war die anspruchsvolle Erstbegehung vollendet: eine 250 Meter lange Route durch kompakten Dolomitenkalk, eröffnet ohne Bohrhaken und anschließend vollständig frei geklettert.
„Wenn ich nur 99 Prozent gegeben hätte“
Für Gietl war die Zeit an der Lavarela de Fora nicht nur sportlich außergewöhnlich. Besonders wichtig war ihm auch die Art der Erschließung und das gemeinsame Erlebnis mit seinen Freunden.
Sein Fazit bringt den Anspruch hinter „Kairos“ auf den Punkt: „Wenn ich nur 99 Prozent gegeben hätte, wäre es nicht genug gewesen.“
Der Name der Route passt damit gleich doppelt. Bei „Kairos“ ging es nicht nur um den richtigen Augenblick – sondern darum, ihn zu nutzen.










