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Tahu Rutum: Erstbegehung der Westwand

Siebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll und Symon Welfringer gelingt die Erstbegehung der Westwand des Tahu Rutum im Karakorum. Die neue 1.500 Meter lange Route „The Leopard of Higher Ground“ wurde vollständig im freien Kletterstil begangen.

Die belgischen Kletterer Siebe Vanhee und Sean Villanueva O’Driscoll haben gemeinsam mit dem französischen Alpinisten Symon Welfringer die Westwand des 6.651 Meter hohen Tahu Rutum im pakistanischen Karakorum erstbegangen.

Die Route „The Leopard of Higher Ground“ führt über 1.500 Höhenmeter durch die bislang ungekletterte Tahu-Rutum-Westwand. Sie verbindet die untere Felswand mit dem markanten Gipfelturm über steile Schneeflanken und anspruchsvolles kombiniertes Gelände.

Tahu Rutum Westwand: 15 Tage in der Wand

Insgesamt verbrachte das Team 15 Tage in der Wand. Am 13. Tag erreichten die drei Kletterer den Gipfel, anschließend benötigten sie weitere zwei Tage für den Abstieg.

Die Route verlangte eine anspruchsvolle Kombination aus Big-Wall-Klettern im Capsule-Stil und alpinen Techniken. Portaledges, statische Seile, Verpflegung und umfangreiche Ausrüstung mussten durch komplexes Fels-, Schnee- und Mixed-Gelände transportiert werden.

Besonders bemerkenswert: Jede einzelne Seillänge der neuen Route wurde frei geklettert.

Eine ungewöhnliche Linienwahl

Am 15. Juni begann das Trio mit dem Aufstieg. Statt den offensichtlichen Gletscherzugang von links zu wählen, der direkt zur Hauptwand führt, griffen die Kletterer die untere Felswand von rechts an. Ihr Ziel war es, über Schneehänge den markanten Gipfelturm zu erreichen.

Die Entscheidung führte zu einer äußerst komplexen und kräftezehrenden Linie. Zunächst mussten acht Seillängen über brüchigen Fels bewältigt werden. Anschließend folgten steile Schneetraversen und schwieriges Gelände für den Materialtransport, bevor das Team überhaupt den Fuß der eigentlichen Hauptwand erreichte.

„Wir haben die verrückteste Linie gewählt, die kein Alpinist nehmen würde“, sagt Siebe Vanhee.

„Wir sind sie im Big-Wall-Stil angegangen – mit harter Arbeit und hohem Energieaufwand. Ich habe mich ein paar Mal gefragt: Warum schleppen wir hier zehn Tage lang unser Material durch dieses Gelände? Aber genau das machen wir. Es ist eine Big-Wall-Linie in großer Höhe, und es hat sich gelohnt.“

Freiklettern in über 6.000 Metern Höhe

Da das Ziel eine vollständige freie Begehung der Wand war, setzte das Team auf eine Capsule-Style-Strategie. Die Kletterer transportierten Portaledges sowie ausreichend Nahrung, Brennstoff und Ausrüstung für bis zu 15 Tage in der Wand.

Diese Taktik erwies sich insbesondere angesichts des wechselhaften Wetters als entscheidend. Das Team konnte in der Wand bleiben und günstige Wetterfenster nutzen, sobald sich die Bedingungen verbesserten.

Big-Wall-Stil trifft auf Höhenalpinismus

Für Symon Welfringer war die Expedition eine besondere Erfahrung. Der französische Alpinist kennt die wilden Berge Pakistans bereits von mehreren Expeditionen, hatte zuvor jedoch noch keine Big-Wall-Technik an einem hoch gelegenen Berg eingesetzt.

„Es war das erste Mal, dass ich Big-Wall-Stil an einem Hochgebirgsberg erlebt habe. Es war eine bereichernde Erfahrung zu sehen, wie wir alpines Gelände und den felsorientierten Big-Wall-Stil miteinander kombiniert haben.“

Die Strategie erwies sich insbesondere während eines dreitägigen Schneesturms als Vorteil. Das Team konnte dank des Capsule-Stils in der Wand bleiben und seine Arbeit fortsetzen.

Für Welfringer eröffnete die Expedition damit neue Möglichkeiten für das Klettern in großer Höhe – insbesondere für zukünftige Linien mit anspruchsvollen freien Kletterpassagen.

Schlüsselstelle der Tahu-Rutum-Westwand: 7b über 6.000 Meter

Am elften Tag errichtete das Team sein viertes Portaledge-Biwak am Fuß der Hauptwand auf 6.260 Metern Höhe.

Nach mehr als eineinhalb Wochen anspruchsvollen Kletterns, Materialtransports und exponierter Arbeit lag der technisch schwierigste Abschnitt noch vor ihnen.

Am zwölften Tag installierten die Kletterer insgesamt 400 Meter statisches Seil. Danach folgte der schwierigste Teil der Route: steiles, teilweise überhängendes Gelände in mehr als 6.000 Metern Höhe mit Freikletterpassagen bis zum Schwierigkeitsgrad 7b.

Für das Team war dieser Abschnitt der Höhepunkt der gesamten Expedition.

Gipfelerfolg am 27. Juni 2026

Am folgenden Morgen war die Gruppe trotz Erschöpfung und sieben aufeinanderfolgenden Tagen ohne Ruhetag bereit für den Gipfelversuch.

Am 27. Juni 2026 kletterten Vanhee, Villanueva O’Driscoll und Welfringer zurück zu ihrem höchsten Punkt und setzten ihren Aufstieg bis zum Gipfel fort.

Bei stabilem Wetter erreichten sie den 6.651 Meter hohen Gipfel des Tahu Rutum. Von oben bot sich ihnen ein weiter Blick über die umliegenden Gipfel des Karakorums.

Beinahe verlor der Gipfelversuch seine wichtigste Ausrüstung

Einer der dramatischsten Momente ereignete sich während des Materialtransports durch das schwierige Gelände.

Ein Haulsack blieb hängen, woraufhin Siebe Vanhee abseilte, um ihn zu befreien. Plötzlich schnitt die Zugleine an einer scharfen Kante ein.

„Wir sahen uns alle ungläubig an – irgendwie hatte Siebe die Tasche aufgefangen, bevor sie abstürzen konnte“, berichtet Sean Villanueva O’Driscoll.

Ein Absturz des Haulsacks hätte die Expedition möglicherweise beendet, da sich darin wichtige Ausrüstung befand.

„The Leopard of Higher Ground“: Eine Route mit Geschichte

Der Name „The Leopard of Higher Ground“ ist sowohl eine Hommage an den Berg als auch an den verstorbenen amerikanischen Alpinisten Kyle Dempster.

In der lokalen Sprache bedeutet Taa Hurutum sinngemäß „Heimat des Schneeleoparden“. „Higher Ground Coffee“ wiederum war der Name des Cafés, das Dempster in Salt Lake City besaß.

Während der neuen Begehung kreuzte die Route die Linie von Dempsters Solo-Versuch aus dem Jahr 2008. Das Team entdeckte dabei drei alte Bohrhaken bzw. Sicherungspunkte des Amerikaners.

Kyle Dempsters gescheiterter Versuch von 2008

Für Siebe Vanhee reicht die Geschichte der Westwand bis ins Jahr 2014 zurück. Damals lernte er Kyle Dempster kennen.

Dempster, der 2016 bei einer Expedition in Pakistan verschwand, hatte die Westwand des Tahu Rutum bereits 2008 im Alleingang versucht. Bei diesem außergewöhnlichen Versuch verbrachte er 23 Tage in der Wand und gelangte bis auf etwa 200 Meter unterhalb des Gipfels.

Schließlich musste er sich zurückziehen.

Seit Vanhee von Dempsters Geschichte gehört hatte, ließ ihn der Berg nicht mehr los.

Vom Viererteam zum Dreierteam

Im Mai 2026 stellte Vanhee ein Team mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen. Neben ihm gehörten der französische Alpinist Symon Welfringer, der britische Trad-Kletterer Pete Whittaker sowie die belgischen Big-Wall-Kletterer Sean Villanueva O’Driscoll und Siebe Vanhee zur Expedition.

Die vier Kletterer verließen Europa am 25. Mai 2026 zu einer 45-tägigen Expedition.

Nach der Ankunft im Basislager musste Pete Whittaker jedoch aufgrund von Höhenkrankheit die Expedition abbrechen und nach Hause zurückkehren.

Vanhee, Villanueva O’Driscoll und Welfringer setzten die Expedition als Dreierteam fort.

Tahu Rutum: Einer der entlegensten Gipfel des Karakorums

Der Tahu Rutum, in der lokalen Sprache auch Taa Hurutum genannt, erhebt sich über den Gletschern nahe der Hispar-Region im Norden Pakistans.

Mit seinem markanten, an Patagonien erinnernden Profil zählt der Berg zu den spektakulärsten und zugleich schwer zugänglichen Zielen des Karakorums.

Bis zur aktuellen Expedition war der Gipfel erst ein einziges Mal bestiegen worden. Eine japanische Expedition erreichte ihn 1977 über den Südwestgrat.

Die Besteigung von Vanhee, Villanueva O’Driscoll und Welfringer stellt damit nach eigener Einschätzung des Teams erst die zweite Besteigung des Tahu Rutum überhaupt dar – und zugleich die erste Besteigung seiner Westwand.

Seit der japanischen Erstbesteigung im Jahr 1977 war der Berg nicht mehr bestiegen worden.

Tahu Rutum Westwand: Aufstiegsdaten im Überblick

MerkmalDetails
BergTahu Rutum / Taa Hurutum
Höhe6.651 m
RegionKarakorum, Pakistan, nahe dem Hispar-Gletscher
RouteThe Leopard of Higher Ground
WandWestwand
Routenlänge1.500 m
KlettererSiebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll, Symon Welfringer
Gipfeltag27. Juni 2026
Zeit in der Wand15 Tage, inklusive 2 Tagen Abstieg
StilCapsule-Style Big Wall in großer Höhe
FreikletternAlle Seillängen frei geklettert
Seillängen20
Schwierigkeitsgradbis 7b
Höhenlager4. Portaledge-Lager auf 6.260 m
Bekannte vorherige BesteigungJapanische Expedition, 1977, über den Südwestgrat
Früherer Versuch der WestwandKyle Dempster, Solo, 2008

Die Route „The Leopard of Higher Ground“

Die Route umfasst insgesamt 20 Seillängen. Acht davon verlaufen an der unteren Wand, weitere zwölf an der oberen Wand. Dazwischen verbindet eine rund 600 Meter lange Schneetraverse die beiden Felsbereiche.

Der maximale freie Klettergrad liegt bei 7b.

Damit verbindet die neue Route anspruchsvolles technisches Felsklettern mit hochalpinem Mixed- und Schneegelände – eine Kombination, die für die Kletterer den besonderen Charakter der Expedition ausmachte.

Die Kletterer hinter der Erstbegehung

Siebe Vanhee

Siebe Vanhee ist ein belgischer Big-Wall-Freikletterer, der für technische und abenteuerliche Begehungen an einigen der anspruchsvollsten Wände der Welt bekannt ist.

Sein Kletterstil verbindet hochklassiges Freiklettern mit der Ausdauer, Geduld und Widerstandsfähigkeit, die für Expeditionen an großen Wänden erforderlich sind.

2024 gehörte Vanhee zum Team, das die erste Team-Freibegehung von „Riders on the Storm“ am Torre Central in den Torres del Paine in Patagonien gelang. Die Route zählt zu den bekanntesten alpinen Big-Wall-Routen der Welt.

Darüber hinaus war er an der ersten freien Begehung von „El Regalo de Mwono“ am selben Turm beteiligt. In Europa gelangen ihm unter anderem anspruchsvolle Mehrseillängenrouten, darunter eine seltene eintägige freie Begehung von Orbayu 8c/500 m am Picu Urriellu in Spanien.

Sean Villanueva O’Driscoll

Sean Villanueva O’Driscoll ist ein belgischer Kletterer, Alpinist und Musiker. Bekannt ist er vor allem für seinen kreativen Ansatz beim Big-Wall-Klettern, bei abgelegenen Expeditionen und im explorativen Alpinismus.

Der zweifache Piolet-d’Or-Preisträger wurde unter anderem für die Greenland-Big-Walls-Expedition von 2010 sowie für seine außergewöhnliche Moonwalk Traverse am Fitz-Roy-Massiv in Patagonien ausgezeichnet.

Dabei durchquerte er das Massiv solo von Süden nach Norden.

Seit Jahrzehnten eröffnet Villanueva O’Driscoll anspruchsvolle freie Kletterrouten an entlegenen Orten rund um die Welt. Dabei verbindet er ernsthaftes Klettern mit Musik, Humor und einer ausgesprochen persönlichen Form des Abenteuers.

Symon Welfringer

Symon Welfringer ist ein französischer Alpinist und Kletterer mit umfangreicher Erfahrung an technischen alpinen und hochgelegenen Zielen – insbesondere im Karakorum Pakistans.

2020 gelang ihm gemeinsam mit Pierrick Fine die Erstbegehung der Südwand des Sani Pakkush über „Revers Gagnant“. Die alpine Begehung wurde 2021 mit einem Piolet d’Or ausgezeichnet.

Welfringer war außerdem an Expeditionen in wenig erforschte Regionen Pakistans beteiligt. Dazu zählt die Erstbesteigung des Risht Peak im Yarkhun-Tal.

Sein Profil verbindet hochklassiges Felsklettern, Mixed-Klettern und modernen explorativen Alpinismus.

Fazit: Eine außergewöhnliche Erstbegehung im Karakorum

Die Erstbegehung der Tahu-Rutum-Westwand ist eine außergewöhnliche Kombination aus Big-Wall-Klettern, Freiklettern und Höhenalpinismus.

Siebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll und Symon Welfringer verbrachten 15 Tage in der Wand, bewältigten 1.500 Höhenmeter und kletterten jede Seillänge der neuen Route frei.

Mit „The Leopard of Higher Ground“ haben sie nicht nur eine neue Linie an einem der entlegensten Berge des Karakorums eröffnet, sondern zugleich die Geschichte von Kyle Dempsters gescheitertem Versuch von 2008 fortgeführt.

Die Expedition zeigt eindrucksvoll, welche Möglichkeiten entstehen, wenn moderne Big-Wall-Technik mit klassischem Expeditionsalpinismus und anspruchsvollem Freiklettern in großer Höhe kombiniert wird.

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